Dem Bildersturm entkommen – die neu entdeckte Jupitergigantensäule aus Heidelberg

lautete der Titel des Lichtbildervortrags am 10.11.2009 von Frau Dr. Petra Mayer-Reppert aus Karlsruhe.
Mit einer Ortsbestimmung startete der hochinteressante Bericht der Archäologin:
Die herausragende verkehrstopographische Bedeutung des römischen Heidelberg war durch den Straßenknotenpunkt beim heutigen „Römerkreisel“ und die Neckarfurt gekennzeichnet.
Über dem frühflavischen Ostkastell entwickelte sich noch in flavischer Zeit der Nordvicus im heutigen Stadtteil Neuenheim als dominierender Standort der Töpferindustrie im Gebiet der Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium mit dem Hauptort Lopodunum, dem heutigen Ladenburg. Derzeit sind über 60 Töpferöfen belegt. Das römische Gräberfeld in Heidelberg-Neuenheim gehörte ebenfalls zum Nordvicus und umfasst an die 1500 Gräber.
Im Frühjahr 2007 wurde im Stadtteil Neuenheim an der Uferstraße bauvorgreifend ein Areal von 270qm unmittelbar vor der Südflanke des römischen Ostkastells untersucht.
Mehrere Gruben in der Grabungsfläche können als Zeugen von Hornschnitzerei während der Kastellzeit interpretiert werden. Die Gruben der Horngewinnung hatten anscheinend einer anderen Nutzung gedient, bevor sie mit Abfall, darunter insgesamt 58 Rinder- und Ziegenhornzapfen, verfüllt wurden. Fraßgänge von Larven der Käsefliege weisen darauf hin, dass die Rinderschädel zur Horngewinnung über einen Zeitraum von mehreren Monaten in Gruben gelagert wurden, um das Abtrennen der Hornscheiden zu erleichtern.

Der spektakulärste Fund ist ein holzverschalter Brunnen, aus dessen Verfüllung eine fast vollständig erhaltene Jupitergigantensäule zutage kam.


Brunnenquerschnitt mit den gestapelten Teilen der Säule

Die Brunnenstube erreicht eine Tiefe von 11m unter heutiger Oberfläche. Die Verfüllung enthält überwiegend Keramik, wenige Tierknochen, wenig Bauschutt, auch wenig Töpfereiabfall.
Die 4,4m hohe Jupitersäule kann als das besterhaltene Steindenkmal Heidelbergs gelten. Der Stiftername MESsius IBLIONIS (Filius) steht in treverischem Zusammenhang.
Stil und Ikonographie der Säule sind einer Werkstatt zuzuordnen, deren Produkte in Lopodunum (Ladenburg) und Umgebung um 150 n.Chr. nachgewiesen sind.
Aus dem Brunnen konnten vier Bruchstücke des zu Jupiter gehörenden Blitzbündels aus Eisen geborgen werden. Das 52,5 cm lange Attribut von Jupiter ist zwar nicht vollständig, kann aber zeichnerisch rekonstruiert werden.


Jupitergigantensäule restauriert


Minerva vom Viergötterstein


Blitzbündel – restauriert

Nach der Freilegung des Brunnens und der Bergung der Jupitergigantensäule rückte die Frage nach Zeitpunkt und Umständen der Niederlegung der Säule in den Mittelpunkt.
Nach Auswertung aller Beifunde ergibt sich ein Zeithorizont von etwa 200 n. Chr. für den Abbruch der Säule.
Die Grabungen in der Uferstraße haben für das römische Heidelberg-Neuenheim wesentliche neue, gesicherte Erkenntnisse erbracht:
Die Gründung des Ostkastells kann vermutlich bereits in vorflavische Zeit vordatiert werden.
Der erwartete Kastellgraben wurde an dieser Stelle nicht angetroffen. Die Lage des Ostkastells im römischen Stadtplan ist demnach zu korrigieren.
Eine Verbindung zwischen Ostkastell und nördlichem Brückenkopf konnte nicht nachgewiesen werden.
Zwischen 150 und 200/210 n.Chr. schmückte eine Jupitergigantensäule das nördliche Neckarufer.
Die Säule wurde um 200/210 n.Chr. abgebaut und im Brunnen deponiert. Danach muss mit einem massiven Rückgang der Siedlungstätigkeit am nördlichen Brückenkopf gerechnet werden.
Das exponierte Areal zwischen römischer Fernstraße und Neckarbrücke wurde um 200 n.Chr. zur feuchten Siedlungsbrache infolge häufiger Überschwemmungen am Neckarnordufer. Dies stand im Zusammenhang mit einer zivilen Siedlungskonzentration am südlichen Neckarufer und einer neuen Militärphase im 3. Jh. durch die Stationierung eines numerus.
Anhand von Oberflächenfunden konnte eine römische Nutzung noch bis 230/40 n.Chr. nachgewiesen werden. Handgeformte Keramik elbgermanischer Tradition datiert in die Jahre zwischen 250 und 320/50 n.Chr. und kann wohl zu einem kleinen Stützpunkt germanischer Neusiedler gerechnet werden. Das Spektrum der Oberflächenfunde macht zudem eine Besiedlung in der Merowinger- und Karolingerzeit wahrscheinlich.