Alte Knochen modern beleuchtet – Über Leben, Leiden und Sterben unserer Vorfahren in Südwestdeutschland
berichtete Prof. Dr. Joachim Wahl aus Konstanz, der Experte für Osteologie des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart am 18.02.2009 im Rahmen der Stettfelder Abendvorträge im Römerkeller Stettfeld. Über 40 Zuhörer folgten höchst interessiert seinen Ausführungen, die von aussagekräftigen Bildern unterstützt wurden.
Die bei Ausgrabungen gefundenen biologischen Überreste von Pflanzen, Tieren und Menschen bergen wesentlich mehr Informationen über das Leben früherer Generationen sowie deren Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist.
Aus den Menschen- und den Tierknochen lassen sich mithilfe der Osteologie (Lehre von Knochen und Skelettaufbau) heute eine Vielzahl von Daten gewinnen.
Nachdem der Archäologe aus dem Fundort, der Fundlage, den weiteren Artefakten und sonstigen Randbedingungen bereits viele Rückschlüsse ziehen kann, sind die genaue Bestimmung des Alters, des Geschlechts, der Körpergröße, der Krankheiten, der Ernährung, von Verletzungen, der Todesursache, von verwandtschaftlichen Beziehungen und ggf. eines Migrationshintergrunds Sache des Osteologen.
Aufgaben der Osteologie
Manche Details und Symptome lassen sich nur mit Mikroskop, Röntgenaufnahmen, Computertomographie oder durch die Anfertigung von Dünnschnitten von Knochen oder Zähnen analysieren. Auch biologisch-chemische Untersuchungen, wie z.B. DNA-Analysen oder Messungen von Isotopen, sind unverzichtbar. Dabei gibt es aber auch viele Einschränkungen, was die Trefferquote betrifft.
Mithilfe spezieller Plastifizierungstechniken lassen sich aus den gefundenen Schädeln sogar Gesichter oder ganze Körper rekonstruieren.
Vom Schädel zum Gesicht
Aus dem Vergleich der Individualdaten mehrerer Skelettreste z. B. in Massengräbern ergeben sich dann evtl. Verwandtschaftsbeziehungen, Aussagen zur mittleren Lebenserwartung, der Altersstruktur oder den üblichen Krankheiten der Bevölkerungsstichprobe.
Zu allen diesen Aspekten wurden Beispiele aus der Vorgeschichte in Baden-Württemberg gezeigt und angesprochen. Sie stammen aus verschiedenen Epochen und Fundstätten von Heibronn über Talheim, Inzigkofen, Bietigheim, Aldingen, Trossingen, Herrenberg bis Stettfeld von der Steinzeit bis in die frühe Neuzeit.
Besonders schwierige Situationen ergeben sich für den Osteologen, wenn nur Knochenfragmente oder gestörte Massengräber gefunden wurden. Aber auch hier kommt man oft zu plausiblen Deutungen, weil die jahrelange Erfahrung manch fehlendes Indiz ersetzt.
Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass der Vortrag nicht zuletzt dank seiner lockeren Art und der hervorragenden Illustration beim Publikum angekommen war.
Der Referent empfiehlt sich auch als exzellenter Buchautor, hat er doch zusammen mit Mostefa Kokabi ein vielbeachtetetes Werk über das Gräberfeld von Stettfeld mit dem Titel „Das römische Gräberfeld von Stettfeld I“ verfasst.
Sein neuestes Werk „Karies, Kampf und Schädelkult – 150 Jahre anthropologische Forschung in Südwestdeutschland“, erschienen im Theiss-Verlag, berichtet spannend und kurzweilig auch über die Themen seines oben besprochenen Vortrags.