Das Gilgamesch-Epos

Vortrag am 26.10.05 von Prof. Dr. Stefan Maul, Heidelberg:
Das altorientalische Gilgamesch-Epos aus dem 3. Jahrtausend vor Christus wurde im vorletzten Jahrhundert in Ninive, der ehemaligen assyrischen Hauptstadt im heutigen Irak, bei Ausgrabungsarbeiten von britischen Archäologen entdeckt. Mit seinen 12 Keilschrift-Tontafeln mit 3600 Versen in babylonischer Sprache gehörte der Text zu einer großen Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal. Nach sorgfältiger jahrzehntelanger Untersuchung und Bearbeitung der zum Teil lückenhaften Funde wurde festgestellt, dass es sich hierbei um das älteste bisher bekannte literarische Werk der Menschheit handelt.
Der Inhalt:
Ein Beutezug führt den sagenhaften Sumerer-König Gilgamesch von Uruk und seinen Gefährten Enkidu in ein von den Göttern verbotenes Gebiet, um kostbare Bauhölzer für sein rohstoffarmes Land zu gewinnen. "Dahinter steht die damalige Handels- und Eroberungsexpansion des Babylonischen Reiches nach Westen", führte Professor Maul aus. Für diesen Frevel wird Enkidu mit dem Tod bestraft. Erschüttert vom Tod seines Freundes bricht Gilgamesch auf, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu suchen. Er trifft einen Mann namens Utnapischtim, der als einziger eine von den Göttern gesandte Sintflut überlebt und dadurch das ewige Leben gewonnen hat. Hier finden sich Parallelen zum biblischen Noah. Utnapischtim lehrt ihn als moralische Komponente der Erzählung den wahren Sinn des Lebens: Demut gegenüber den Göttern, die Sorge um die ihm anvertrauten Menschen und Harmonie zwischen Göttern und Menschen.
Der bekannte Keilschriftexperte und Assyriologe Stefan Maul hat selbst eine viel beachtete Übersetzung des Gilgamesch-Epos gefühlvoll aus dem Englischen ins Deutsche übertragen und damit die letzte Fassung von Andrew George aus 2003 einem interessierten deutschen Publikum zugänglich gemacht.