Leben und Sterben in Pompeji

Vortrag am 14.01.2004:
Nach ihrem eindrucksvollen Vortrag vor einem Jahr über die Rolle der Frau im alten Rom hat Frau Dr. Rosmarie Günther vom Seminar für alte Geschichte der Universität Mannheim uns wieder mit einem sehr sachkundigen und lebendigen Lichtbilder-Ausflug in die Antike entführt:
Der 24. August des Jahres 79 n.Chr. war ein wahrlich schwarzer Tag für die Stadt Pompeji. Nach einem erst jüngst überstandenen Erdbeben hatten die Einwohner gerade den Wiederaufbau abgeschlossen, begann die Stadt wieder aufzublühen, da geschah das Unerwartete: Der über Jahrhunderte friedliche und für erloschen gehaltene Vulkan Vesuv brach wieder aus. Kilometerhoch wurde Asche und Gestein in den Himmel geschleudert, um binnen zweier Tage Pompeji und die auf der anderen Bergseite gelegene Stadt Herculaneum mit einer fünf bis sechs Meter hohen Schicht aus Bimsstein, Asche, Geröll und Schlamm zu begraben.

Eine Vielzahl von Aufnahmen, die Frau Dr. Günther auf ihren zahllosen Reisen nach Pompeji von der heute weitgehend ausgegrabenen Stadt „geschossen“ hat, führten die Zuhörer zurück in ein damals in voller Blüte stehendes und durch den Vesuv-Ausbruch konserviertes Gemeindeleben.
Die vornehmen Viertel der begüterten Bürger lagen im Norden und im Südwesten der Stadt. Hier gab es sogar einige Häuser mit eigenem Wasseranschluss.
Die technisch hervorragend ausgeklügelte öffentliche Wasserversorgung bestand aus Laufbrunnen, die aus 19 Wassertürmen gespeist wurden. Die erwähnte Privatversorgung mit Wasser wurde nachrangig aus den gleichen Wassertürmen versorgt, d. h. nur wenn genügend Wasser vorhanden war. Wurde die Quellenschüttung im heißen Sommer schwächer, mussten sich auch die Reichen ans öffentliche Nass begeben.
Der Verkehr war dicht, wie die tief in das Pflaster eingegrabenen Fahrspuren zeigen. Das Forum war jedoch eine "verkehrsberuhigte" Fußgängerzone. Vom Forum aus kommt man über die via abundanza, übersetzt - "die Straße des Überflusses" - zum Theater. Auf dieser Hauptverkehrsstraße konnten die Bewohner über besondere Fußgängerüberwege – erhöhte Trittsteine - trockenen Fußes die andere Straßenseite erreichen. Hier wurde bei den verschiedensten Händlern eingekauft. In Gaststätten und Imbisstuben konnte man die verdiente Pause einlegen. Kichererbsenbrei, eine Spezialität Pompejis, wurde besonders gern verspeist.
Allein 73 Bäckereien mit eigener Mühle wurden in Pompeji ausgegraben. Der Handel, Webereien und Walkereien, die Herstellung von Kissen und der Export von Wein und Garum, der römischen Fischsauce, bildeten die Grundlage für den pompejanischen Wohlstand.
Jeder war stolz auf das Erreichte und stellte es ordentlich zur Schau. Im Atrium seines Hauses zeigte der Wohlstandsbürger das Familiensilber und in Grabinschriften wurden die Reichtümer des Verstorbenen aufgezählt.
Die Buchhaltung des Bankiers Lucius dokumentiert auf Holztäfelchen fein säuberlich die getätigten Geschäfte und eine Wandinschrift sagt eindeutig, was man von seinem Nächsten erwartete: "Für Faulenzer ist hier kein Platz. Hinweg ihr Müßiggänger. Sei gegrüßt Profit!"

Der römische Geschichtsschreiber Plinius der Jüngere berichtete von einer im Golf von Neapel gelegenen Insel aus als Augenzeuge von der Katastrophe. Seine Aufzeichnungen wurden durch neuere geologische Forschungen bestätigt.
Lange Zeit war die verschüttete Stadt vergessen. 1631 brach der Vesuv erneut aus. 1748 begann man mit den ersten "Ausgrabungen", indem Stollen voran getrieben wurden. Die Motivation war aber nicht das wissenschaftliche Interesse sondern die Jagd nach Kunstschätzen. Diese Grabungen verursachten mehr Schaden als Nutzen. Ihre Folgen sind noch heute in Form von Löchern in manchen Hauswänden sichtbar.
Erst 1860 begann die eigentliche wissenschaftliche Arbeit. Der italienische Archäologe Fiorelli entwickelte eine Methode, die von Asche umgebenen Hohlräume der verbrannten Körper mit Gips auszugießen. Die schlagartige Konservierung Pompejis und die Arbeit der Archäologen ließen in den letzten hundert Jahren das einmalige Bild einer römischen Stadt entstehen, das jeden Besuch zum Erlebnis macht.
Parallelen zwischen Pompeji und anderen römischen Siedlungen lassen sich dank diesem einmaligen Naturereignis hervorragend ziehen. Die heute umfassende Kenntnis über römische Technik und Kultur wurde nicht zuletzt aus dieser Quelle gespeist.