Die Bilderwelt der Romanik - Architekturgebundene Malerei und Skulptur
Armin Becker aus Sandhausen berichtete am 23.11.2010 als Fortsetzung seines Vortrags "Kirchenbaukunst der Romanik" vom 16.12.2009 über die Malerei und den Skulpturenschmuck in romanischen Sakralbauten.
Der heutige Zustand vieler restaurierter romanischer Kirchen steht im größten Gegensatz zu dem farbenfrohen Anblick, den die bemalten Wände und Decken zur Entstehungszeit dieser Kirchen boten.
Nach der Präsentation von Bildern restaurierter romanischer Kirchen mit ihrer Steinsichtigkeit bzw. weiß verputzten Wänden, was die formale Strenge des romanischen Stils unterstreichen sollte, stellte der Referent fest, dass die mittelalterlichen Kirchen fast vollständig ausgemalt und von einer uns heute befremdlichen Buntheit waren. Auch die Skulpturen in und an den Kirchen waren farblich gefasst.
Architekturgebunden war diese Malerei, weil sie in den romanischen Kirchen nicht auf mobilen Bildträgern, etwa als Tafelbild, vorkommt, sondern nur als fest mit der Architektur verbundene Wand- und Deckenmalerei. Architekturgebunden waren auch die Skulpturen, weil die Romanik die vollplastische, anatomiebetonte, frei stehende Skulptur nicht kennt, sondern diese grundsätzlich an einen Hintergrund als Bildträger, ein eine rückwärtige Begrenzung gebunden bleibt, von dem sie sich nie vollständig löst. Die romanische Skulptur ist also wesentlich Relief.
Die zentrale Aussage des Vortrags:
Die Vielzahl der Bildwerke einer Kirche wie überhaupt der Bildervorrat der romanischen Sakralkunst bilden einen übergreifenden inhaltlichen Zusammenhang. Die bildnerischen Erzeugnisse beziehen sich alle auf einen gemeinsamen Bezugspunkt, nämlich auf die mittelalterlich-christliche Auffassung von Welt und Geschichte, die im Begriff der Heilsgeschichte zusammengefasst werden kann.
Was damit gemeint ist, wurde vor allem an der Bilderdecke der Michaeliskirche in Hildesheim entwickelt. Sie nimmt das Thema des sogenannten Jessebaums zum Anlass, um den Weg der Menschheit vom Sündenfall im Paradies bis zur Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten als Heilsgeschichte zu interpretieren. Der Referent zeigte, wie die daraus entwickelte Vorstellung von Christus als neuem Adam und Maria als neuer Eva, die den Sündenfall von Adam und Eva wieder gut machten, in Hildesheim bildlichen Ausdruck fand.
Anhand weiterer Beispiele wurde gezeigt, dass die Thematik der sakralen romanischen Wandmalerei durch ihren Ort in der Kirche bestimmt wurde: die Langhauswände sowie die Kirchendecke waren in der Regel für erzählerische Zyklen aus dem Alten oder Neuen Testament - Szenen aus der irdischen Zeitlichkeit - vorgesehen. Der Chorbereich und die innere Westwand dagegen waren für "Ewigkeitsbilder" reserviert: an der Westwand das Jüngste Gericht, in der Apsiskalotte des Chores Christus als Weltenherrscher, in der von Engeln gehaltenen Mandorla, einer Lichtaura, auf dem Regenbogen sitzend, umgeben von den vier geflügelten apokalyptischen Wesen, dem Löwen, dem Stier, dem Menschen und dem Adler, die in der Deutung der Kirche zu Symbolen der Evangelisten Markus, Lukas, Matthäus und Johannes geworden waren.
Nachdem in der christlich gewordenen Spätphase des römischen Reiches die heidnischen Statuen aus allen Tempeln entfernt worden waren, war die Monumentalskulptur praktisch zum Erliegen gekommen. Die romanischen Bildhauer des 11. Jahrhunderts orientierten sich an anderen Bereichen der bildenden Künste, etwa an geschnitzten Elfenbeintafeln, so dass die frühen Skulpturen wie vergrößerte Ausgaben dieser "Kleinkunst" wirken.
Die Portale der Abteikirchen von Moissac, Beaulieu, Vézelay, Conques und Arles wurden dann als Höhepunkte der voll entwickelten Monumentalskulptur vorgestellt. In ihren Tympana dominiert das Motiv von Christus als Herrscher- und Richtergott, der Kreuz, Lanze, Nägel und Dornenkrone nicht wie in der Gotik als "Leidenswerkzeuge", sondern als "arma Christi", als seine "Waffen" präsentiert, mit denen er Sünde und Tod besiegt hat.
Es wurde gezeigt, wie die Romanik dabei Elemente der spätantiken Kaiserikonographie übernommen und auf Christus übertragen hat, um ihn anstelle der Kaiser als Weltenherrscher auszuweisen. Auch die architektonische Form dieser Portale ist antik, nämlich von kaiserzeitlichen Triumphbögen, beeinflusst. Dies gilt in besonderer Weise für St. Trophime in Arles, dessen große Portalanlage in antikisierender Manier Freisäulen, skulptierte Architrave, Bilderfriese und Reliefplatten zu einem eindrucksvollen Bilderbogen der Heilsgeschichte kombiniert. 
Deckenmalerei (Jessebaum) in der Michaeliskirche in Hildesheim
Das Innere der Kirche St. Georg in Oberzell
Das Tympanon von Arles
Kapitell im Quedlinburger Dom
Das Tympanon von Vézelay mit verziertem Stützpfeiler