Wohnen und Wirtschaften im kaiserzeitlichen Pompeji

Dr. Jens-Arne Dickmann vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Heidelberg berichtete am 25.01.2007 über dieses Thema.
Die durch tragische Ereignisse – Vesuvausbruch 79 n. Chr. und totale Verschüttung – binnen Stunden ausgelöschte Stadt Pompeji ist nach wie vor eine der wichtigsten Quellen für Archäologen und Geschichtswissenschaftler, um auch heute noch neue Erkenntnisse über die römische Antike zu gewinnen. Leider ist der dafür und für die Erhaltung der antiken Zeitzeugen benötigte finanzielle Aufwand so unermesslich hoch, dass man sich nur noch punktuell Untersuchungen widmen kann. Auch werden komplette Neugrabungen – bisher sind noch rund 44ha der ehemaligen Stadtfläche 65ha verschüttet – heute nicht genehmigt. Die meisten ausgegrabenen Ruinen sind dem schleichenden Verfall preisgegeben.
Dr. Dickmann hat persönlich an Ausgrabungen und Untersuchungen in Pompeji mitgewirkt, die sich zum Ziel setzten, eine fundierte Vorstellung von Leben und Arbeit in Pompeji zu bekommen.
Bisher hat sich die Wissenschaft vornehmlich mit großartigen Häusern und hervorragenden Wandmalereien auseinandergesetzt. Es waren zwar wenige, aber bestens erhaltene Beispiele, die durch aufwändige Bildbände und Videofilme dokumentiert wurden.
Inzwischen zeigt sich ein Wandel in der Forschung hin zu kleinteiligeren Untersuchungen: Verkehr, Handel und Wirtschaft, Nachbarschaften und alltägliche Rituale im privaten und öffentlichen Leben. Doch werden das Wohnen und Arbeiten/Wirtschaften aber in der Regel als zwei getrennte Bereiche untersucht, die miteinander wenig oder gar nichts zu tun haben. Die überlieferte römische Literatur unterstützt im allgemeinen diese These.
Erst die jüngsten Forschungen, an denen Dr. Dickmann beteiligt ist, zeigen, dass es sehr wohl eine enge Verbindung zwischen Wohnen und Arbeit gegeben hat.
Anhand der archäologischen Untersuchung der Wohnstandards und der damit eng verknüpften Gewerbespuren in einem charakteristischen Gebäudekomplex konnten schließlich Schlussfolgerungen über das tatsächliche Leben in der antiken Gesellschaft gezogen werden.
Dieser Gebäudekomplex weist neben dem typischen großzügigen Atrium-Haus auch Läden, Werkstätten und weitere, kleinere Wohnungen auf, die allesamt an die umgebenden Straßen grenzen. Die Läden und Werkstätten waren durch Treppen und Türen mit den kleineren Wohneinheiten meist im Obergeschoss verbunden.
Damit liegt der Schluss nahe, dass die Betreiber der Läden und Werkstätten direkt benachbart zu den wohlhabenden Bewohnern des Atrium-Hauses sozusagen unter einem Dach gelebt haben. Entweder waren Sklaven oder Freigelassene des Immobilienbesitzers hier einquartiert und gingen ihrer Profession nach oder Angehörige der unteren oder Mittelschicht hatten die Wohn-/Geschäftseinheiten gemietet. Letzteres wird durch ein Graffiti bestätigt, das als eine Art Anzeige ankündigt, dass demnächst Läden und Werkstätten mit den angeschlossenen Wohnungen zu vermieten sind.
Diese Mietobjekte waren für die damaligen Verhältnisse durchaus ansehnlich und enthielten sogar eigene Toiletten. Je nach Kombination wurde zwei- und sogar dreigeschossig gebaut. Allerdings waren das untersuchte und einige andere Objekte offensichtlich nach dem großen Erdbeben von 62 n. Chr. erst neu entstanden. Wie die Verhältnisse vorher waren – die Stadt Pompeji war zum Zeitpunkt ihres Untergangs bereits um 300 Jahre alt - kann bisher nicht geklärt werden.
Schlussfolgerung: Die Wohlhabenden, ihre Abhängigen und Angehörige unterer und mittlerer Bevölkerungsschichten lebten und arbeiteten unter einem gemeinsamen Dach. Die einen schufen die Randbedingungen und vermieteten die erforderlichen Quartiere, die anderen nutzten die Objekte, produzierten und vermarkteten Waren. Die bisher angenommene soziale Trennung in vornehme und Armenviertel gab es zumindest zu der untersuchten Zeit nicht.