Die Lösung vom Bann Überlegungen zu altorientalischen Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst

Professor Dr. Stefan Maul von der Universität Heidelberg, der bekannte Assyrologe, Leibniz-Preisträger und Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften berichtete unter diesem Titel am 23.11.2006 vor interessiertem Auditorium über ganz besondere Ausgrabungsergebnisse aus Assur, der alten Hauptstadt Assyriens. Besonders bedeutsam ist dabei die neue Erkenntnis, dass die rationale Medizin und die irrationale Magie im alten Orient eine Einheit waren.
Aus einer Vielzahl von Tonscherben aus Ausgrabungen in Assur, der im Jahre 614 v. Chr. von den Medern eingenommenen und vollständig zerstörten alten Hauptstadt Assyriens, konnte man in akribischer Kleinarbeit die Reste der Bibliothek eines Gelehrten identifizieren. Dieser Gelehrte war ein Beschwörungspriester oder Exorzist (assyrisch aschipu) mit der Doppelfunktion, Kranke mit magisch-religiösen Ritualen vom Bann (assyrisch mamitu) der Götter zu lösen und sie ergänzend mit rational erscheinenden medizinischen Rezepturen zu heilen.
Die aus den Scherben rekonstruierten Tontafeln enthalten sowohl eine genaue Beschreibung der Krankheitssymptome, die als Bann der Götter zu deuten waren, die zugehörige Diagnose als auch die ausführliche Beschreibung der Heiltherapie. Dabei waren die Symptome nicht nur auf die körperlichen Leiden z. B. infolge einer ernsten Unterleibserkrankung beschränkt sondern erfassten auch Unglücke und Krankheiten in der Familie des Erkrankten und in seinem Umfeld sowie Misserfolg in geschäftlichen Dingen und im Umgang mit seinen Mitmenschen.
Als Diagnose wird ausgeführt, dass der Kranke sich gegenüber den Göttern schuldig gemacht hat oder für entsprechende Sünden seiner Vorfahren büßen muss. Die physischen Symptome des Patienten wurden mit Klistieren, Kräuterumschlägen, medizinischen Bädern, Salben und Säften therapiert. Die eigentliche transzendente Ursache musste aber parallel beseitigt und eine grundlegende Harmonie zwischen dem Menschen und den Göttern wiederhergestellt werden.
Mit Mitteln, den Formen der modernen Gestalttherapie nicht unähnlich, sollten die tieferen, auf Schuld und Vergehen zurückgeführten Ursachen der Krankheit beseitigt werden. Hier zeigt sich deutlich, dass auch schon in den alten Kulturen der mesopotamischen ‚Wiege der Menschheit’ ein Zusammenhang zwischen dem körperlichen Leiden und seelischen Ursachen gesehen und in der Therapie entsprechend vorgegangen wurde.

Der Vortrag wurde von über 30 Teilnehmern mit großem Interesse verfolgt. Prof. Maul, ausgewiesener Experte der Assyrologie und ‚Keilschriftkundiger’, blieb in der anschließenden lebhaften Diskussion keine Antwort auf die vielfältigen Fragen schuldig.


Anweisungen zur Heilung der Krankheit mamitu: eine Tafel aus dem heilkundlichen Werk mit dem Titel “Um den Bann zu lösen” (Vorder- und Rückseite einer neuassyrischen Tontafel aus Ninive (7. Jh. v. Chr.)