Alexander - Historische Größe und moderne Geschichtswissenschaft
Dr. Thomas Kruse vom Institut für Papyrologie der Universität Heidelberg berichtete unter diesem Titel am 14.12.2006 über die aktuelle geschichtliche Beurteilung der schillernden Figur Alexanders.

Schon die Antike verlieh dem makedonischen König und Eroberer des Perserreiches Alexander (356-323 v. Chr.), dem Sohn Philipps II., den Beinamen „der Große", der so eng mit ihm verbunden ist, dass auch heute noch fast jeder seine individuelle Vorstellung hat, wer „Alexander der Große" war.
Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte entstand eine unübersehbare Menge an mehr oder weniger seriöser Literatur über Alexander. Die Bandbreite reicht von romanhaften Darstellungen über Geschichtswerke bis hin zu philosophischen Betrachtungen über die Hintergründe, Anlässe und Antriebe des unermüdlich vorwärts strebenden Makedoniers. Alle diese Darstellungen haben einen gemeinsamen Schönheitsfehler: sie wurden nicht zu Lebzeiten oder kurz nach dem Tode Alexanders sondern bis zu Jahrhunderte später verfasst. Von den authentischen Schriften – Berichte und Erinnerungen der Zeitgenossen und Gefährten Alexanders – sind allenfalls Fragmente erhalten.
Die rein geschichtswissenschaftliche Betrachtung der Bedeutung Alexanders leidet natürlich unter der Problematik, aus den umfangreichen und von Mythen und Legenden durchzogenen Quellen die harten Fakten herauszufiltern.
Alexander trat 336 v. Chr. mit 20 Jahren bereits in die Fußstapfen des ermordeten Vaters und einigte zunächst gewaltsam die griechischen Kleinstaaten. 334 folgten mit der Überquerung des Hellespont siegreiche Eroberungszüge nach Kleinasien, Persien und Indien. Ihr Ergebnis: ein Weltreich von bis dahin unbekannter Dimension von Südosteuropa bis zum heutigen Pakistan, das den Römern später als Vorbild für ihre imperialistischen Bestrebungen diente.
Bevor er seine weiteren Planungen - z. B. Eroberung der arabischen Halbinsel und sicher auch Ausdehnung im westlichen Mittelmeerbereich – in die Tat umsetzen konnte, starb Alexander 323 in Babylon im besten Mannesalter von 33 Jahren und wurde im ägyptischen Alexandria begraben.
Ein wesentliches Kriterium für die historische Größe Alexanders ist unbestreitbar die gewaltige Dimension des von ihm geschaffenen Weltreiches als Grundlage für die späteren hellenistischen Staaten der Diadochen.
Ein weiteres besonderes Merkmal der Person Alexanders ist seine Rastlosigkeit und sein strategisches Talent im militärischen Bereich. Er hat durch seinen Führungsstil und seinen persönlichen Einsatz im Kampf bis hin zu schweren Verwundungen seine Truppen zu außerordentlichen Leistungen während seiner kurzen Lebenszeit angespornt. Der Mythos seiner Unbesiegbarkeit spielt sicher in der Beurteilung dieses außergewöhnlichen Königs eine herausragende Rolle.
Sein Vorbild waren die Helden Homers aus der Ilias und ganz besonders Achill, die an der Spitze ihrer Heere standen und sich oft stellvertretend für ihre Soldaten im Zweikampf mit ihrem Gegner maßen.
Der eigentliche Auslöser für Alexanders Feldzüge war wohl die Rache an den Persern für die in vielen Kriegen der vergangenen Jahrzehnte erlittenen Niederlagen und schmachvollen Diktate. Er setzte damit die Politik seines Vaters bis zur Zerschlagung des persischen Großkönigtums fort, um sich schließlich selbst zum Herrscher über ein makedonisch-persisches Weltreich zu machen.
Viele Motive für sein Handeln wurden ihm sicher später angedichtet. Er träumte gewiss nicht von einer Verschmelzung der vielen Völkerschaften seines Reiches oder gar von der Zusammenführung von Orient und Okzident, als er 324 die Massenhochzeit von Susa zwischen Makedoniern und Persern veranstaltete. Er wollte lediglich neben den Makedoniern auch die Perser zum staatstragenden Volk machen. Um das Vertrauen des persischen Adels zu gewinnen, hat er ihn mit diesem Symbol seinen Makedoniern gleichgestellt.
Das geschichtliche Ergebnis des Wirkens Alexanders war einerseits die Ablösung des Einflusses der griechischen Stadtstaaten mit ihren demokratischen Organisationen durch große absolutistische Monarchien und andererseits die Ausbreitung des Hellenismus, der griechisch geprägten europäischen Zivilisation, im vorderen Orient.
Der Vortragende schloss seine Ausführungen mit dem Resumee, dass Alexander den Beinamen „der Große“ zu Recht trägt, hat er doch in den 13 Jahren seines politischen Wirkens den Anstoß zu gewaltigen Änderungen in der damals bekannten Welt gegeben, die erst tausend Jahre später mit dem Arabersturm zum Teil wieder reorientalisiert wurde.