Archäologie im Wüstensand - Aktuelle Ausgrabungen in Syrien
Vortrag am 18.02.2004 von Dr. Peter Knötzele:
Syrien ist ein Land, das zur Zeit als direkter Nachbar häufig im Zusammenhang mit Israel und dem Irak in den Nachrichten erwähnt wird. Durch die schwierige Situation in Nahost gehört Syrien nicht unbedingt zu den Rennern in der Tourismusbranche. Streng genommen wissen wir recht wenig über dieses Land.
Doch die Römer wussten zunächst vergleichsweise viel weniger, als sie im 1. Jhdt. v. Chr. begannen, den östlichen Mittelmeerbereich und damit auch Syrien zu besetzen und dem römischen Imperium einzuverleiben. Die Grenze des römischen Reiches verlief nun am Euphrat. Mesopotamien war römisches Einflussgebiet. Das östlich angrenzende Partherreich unter Mithridates war jedoch ein ernstzunehmender Rivale im Kampf um die Vorherrschaft in dieser Gegend. Syrien war für die Römer vor allem aus wirtschaftlichen Grinden von Interesse. So wurde im Land Olivenöl und Wein produziert, daneben war auch das Zedernholz sehr gefragt. Außerdem war die einstige römische Provinz für ihre Gläser und Kupferarbeiten bekannt. Schließlich führten die Fernhandelsstraßen für Gewürze und Seide nach China, Indien und Arabien durch die Provinz. Die Hauptstadt war Antiochia, das heutige Antakia in der Türkei. Aufgrund der wirtschaftlichen Voraussetzungen zählte Antiochia um 300 n. Chr. neben Rom und Konstantinopel zusammen mit Karthago und Alexandria zu den wichtigsten Städten der römischen Welt.
Viele römische Heerführer haben sich in der Provinz Syrien einen Namen gemacht. Allen voran Pompejus, der nach dem Sieg über Mithridates im Jahre 66 v. Chr. Kleinasien neu ordnete und den vorderen Orient nun endgültig der Herrschaft Roms unterordnete. Crassus aus dem ersten Triumvirat mit Pompejus und Caesar wurde Statthalter in Syrien und fiel dort im Kampf gegen die Parther.
Varus war von 6 bis 4 v. Chr. Statthalter in der Provinz Syria, bevor er nach Germanien versetzt wurde und als Verlierer der Schlacht am Teutoburger Wald in die Geschichte einging. Unvergessen auch Vespasian, der erst Kommandant der Legion in Straßburg war, später Statthalter in Syrien und schließlich mit Hilfe der in Syrien stationierten Truppen Kaiser wurde.
Für die geschichtlichen Ereignisse in Syrien war die römische Zeit jedoch nur eine Episode. Aleppo und Damaskus gelten schließlich als die ältesten und am längsten dauerhaft bewohnten Städte der Welt. Vieles, was in der Bibel berichtet wurde, ereignete sich in der Region. Z. B. Saulus, der zum Paulus wurde. Ort der Handlung war Damaskus.
Für den Archäologen ist die Befundsituation hervorragend. Kein Wunder, dass sich derzeit etwa 150 ausländische archäologische Missionen in einem Land betätigen, das halb so groß ist wie Deutschland. Das liegt natürlich auch an der politischen Situation, die seit vielen Jahren weder Ausgrabungen im Irak noch im Iran zulässt. D.h., das Betätigungsfeld der vorderasiatischen Archäologen ist sehr stark eingeschränkt und alles drängt sich in Syrien.
Die Vortrags-Reise führt von Beirut nach Baalbek über Hama und Qasr Ibn Wardan nach Anderin mit einem Abstecher über Marat al Numan und Palmyra nach Resafa und abschließend nach Aleppo. Aufgrund der Fülle des Materials beschränken sich die Ausführungen weitgehend auf Ausgrabungen der römischen und byzantinischen Zeit, d.h. zeitlich von 64 v. Chr. bis in die Zeit der islamischen Landnahme etwa um 660 n. Chr.
Besonders schwierig bei Grabungen in der Wüste ist sicherlich die Logistik. Man braucht Räumlichkeiten, Nahrung, Wasser, Hilfskräfte usw. Selbstverständlich kann man im Freien schlafen. Aber für die Dokumentation sind Räume eben unabdingbar, denn es ist in der Regel doch sehr windig. Außerdem müssen zumindest die Geräte und auch die Funde untergebracht werden. Das Fundmaterial verbleibt in der Regel vor Ort. Aber auch Wasser und Nahrungsmittel sind wichtig. Insgesamt muss die tägliche Versorgung für ca. 40 bis 50 Beschäftigte gewährleistet sein. Die Bezahlung der Arbeiter muss ebenfalls gesichert sein. Abgerechnet wird einmal pro Woche. Der Tagesverdienst eines Arbeiters beträgt etwa 4 Euro. Die Bezahlung erfolgt bar, da es weit und breit keine Banken gibt und sehr viele der Arbeiter Analphabeten sind. Häufig wird eben auch mit dem Fingerabdruck quittiert.
Wir beginnen mit Beirut, dem einstigen Paris des Nahen Ostens. Zwischenzeitlich leben in der Stadt, die auf eine mehr als 5000 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann, mehr als 1 Million Menschen. Der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 hat seine entsetzlichen Spuren hinterlassen und natürlich auch archäologische Kostbarkeiten unwiederbringlich zerstört. Nach Ende des Bürgerkrieges begann man ein Wiederaufbauprojekt von immensen Ausmaßen. 1,8 Millionen Quadratmeter sollen in einem Zeitraum von 25 Jahren im Stadtzentrum von Beirut wieder aufgebaut werden. Dabei ist auch geplant, archäologische Strukturen aus der römischen, der byzantinischen Zeit und aus dem Mittelalter zu restaurieren und zu konservieren. Das archäologische Erbe ist gewaltig. Neben den römischen Thermen sind u. a. auch Mosaiken und Reste einer Basilika bekannt, daneben aber auch die Reste einer Kreuzfahrerburg. Alles soll in das Stadtbild eingebettet werden.
Von Beirut geht es weiter nach Baalbek ebenfalls im Libanon. Baalbek verdankt seine bedeutende Rolle der römischen Zeit, obwohl es ebenfalls viel älteren Ursprungs ist. Die ersten deutschen archäologischen Untersuchungen fanden schon 1899 statt. Auslöser war ein Besuch des deutschen Kaisers, der von der Monumentalität der Ruinen so beeindruckt war, dass er beim Sultan in Konstantinopel um eine Grabungslizenz nachsuchte. Anlässlich der 100-Jahr-Feier dieses Ereignisses begann das Deutsche Archäologische Institut weitere Untersuchungen, die aber noch nicht abgeschlossen sind.
Besonders eindrucksvoll sind die Reste des Jupitertempels. Die Säulen sind 22 m hoch. Die etwas schlechter erhaltenen Teile des Altarhofes erstrecken sich über eine Länge von etwa 100 m. Die Länge der gesamten Anlage beträgt etwa 220 m. Der noch besser erhaltene Bacchustempel ist etwa 45 m lang und 20 m breit . Der Tempel ist von einer Säulenhalle umgeben, entspricht also dem klassischen Grundriss. Der Grund für den guten Erhaltungszustand der Tempelanlage ist der Umstand, dass die Anlage seit dem 12. Jahrhundert als Zitadelle genutzt wurde. Aus Baalbek sind aber nicht nur Tempelanlagen sondern auch ein Steinbruch, wo die benötigten Steine vor Ort gebrochen wurden, und ein Gräberfeld bekannt.
Über Hama in Syrien, das für seine Wasserräder aus dem Mittelalter bekannt ist, führt der Weg nach Qasr Ibna Wardan bereits am Rand der syrischen Wüstensteppe. Der antike Name des Ortes ist nicht überliefert. Seine Gründung geht auf das Jahr 564, die Regierungszeit des Kaisers Justinian, zurück. Heute noch erhalten und restauriert ist der Palast und eine byzantinische Kirche. Besonders auffällig ist die Farbigkeit des Baus durch die abwechselnde Verwendung von Ziegeln, Basalt und weißem Kalkstein. Anhand der Bautechnik (Kuppelbau) und der Ziegel lassen sich Einflüsse von Konstantinopel erkennen.
Es folgt jetzt mitten in der Wüste Anderin, das antike Androna, das seine Entstehung einer Straßenkreuzung verdankte. In römischer Zeit war Androna bekannt für seinen Weinbau und beweist damit die Bedeutung der geregelten Wasserversorgung für die einstigen Städte. Der Ort hat eine Ausdehnung von etwa 1,6 km2 und war eine dorfartige Siedlung mit 11 Kirchen, einem Kastron, einer Badeanlage und 2 Stadtmauern. Im Kastron sind die Reste einer Kirche noch zu erkennen. Heute ist der Ort verlassen und liegt etwa 5 km von der Straße entfernt. Die aktuellen Ausgrabungen der drei Grabungsteams aus Deutschland, Großbritannien und Syrien umfassen das Kastron, das Badegebäude, ein weiteres Gebäude neben dem Kastron, ein Haus, sowie in Abschnitten die beiden Stadtmauern. Die Ausgrabungen ergaben, dass die Anlage vom 4./5. Jahrhundert ohne Unterbrechung bis in das 9./10. Jahrhundert bestand. Also zu einer Zeit, in der sich die Herrschaftsverhältnisse bereits verändert hatten und Syrien seit der Mitte des 7. Jahrhunderts von Moslems regiert wurde. Ab dem 10. Jahrhundert ist nur noch eine sporadische Besiedlung des Kastrons festzustellen.
Der nächste interessante Ort ist Maarat al Numan mit seiner bedeutenden Mosaiksammlung. Diese 40 bis 50 Mosaike stammen aus den Kirchen der ehemaligen spätrömischen und byzantinischen Siedlungen der Umgebung, datiert auf das 4. bis 7. Jahrhundert n. Chr. Das Minarett der Freitagsmoschee steht auf den Resten eines römischen Tempels und einer byzantinischen Basilika. In die Geschichte ist der Ort durch die Kreuzfahrer eingegangen. Hier wurden 20 000 Moslems im Jahre 1099 von den Kreuzrittern niedergemacht.
Die antike Stadt Palmyra zeichnet sich durch ein herausragendes Ensemble oberirdischer Denkmäler aus. Der Ort war einst zentraler Umschlagplatz von Luxusgütern aus China, Indien und Arabien. Die aktuellen Ausgrabungen eines deutsch-österreichischen Teams zielen auf die Urbanistik der Siedlung. Für die Arbeit der Archäologen gibt es hervorragende Bedingungen, da das untersuchte Areal nicht bebaut wurde. Wenn auch bislang keine Strukturen festgestellt wurden, so wurde die Mühe zumindest durch Funde hellenistischer Keramik belohnt. Diese Funde führen zurück bis in das 3. vorchristliche Jahrhundert.
Die berühmte Kolonnadenstraße zeugt von der einstigen Bedeutung Palmyras. Auf einer Länge von 500 Meter erstrecken sich Säulen mit besonderen Konsolen. Auf den Konsolen standen einst die Statuen von erfolgreichen Karawanenführern, von Heerführern, von hohen Beamten und von Mitgliedern der kaiserlichen Familie.
Die ersten Ausgrabungen in Resafa, der nächsten Station, begannen 1952 und werden mit unterschiedlicher Fragestellung bis heute fortgesetzt. Was heute noch zu sehen ist, geht im wesentlichen auf das 6. Jahrhundert n. Chr. zurück. So wurde die Lehmziegelmauer der Stadt unter Kaiser Justinian durch eine Steinmauer ersetzt, die heute noch bis 15 m hoch erhalten ist. Etwa 50 Türme zeugen von häufiger Gefahr, der die Stadt immer wieder ausgesetzt war. Ebenfalls noch gut zu erkennen sind Wall und Graben. Der Ort bestand mindestens seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. und wurde durch das Martyrium der Soldaten Sergius und Bacchus zur Pilgerstadt ab dem 4. Jahrhundert.
Der Kult ist auch nach Ende der byzantinischen Epoche in islamischer Zeit bezeugt. Die Stadt wurde bei den Mongoleneinfällen 1258 zerstört. Die Ausgrabungen konzentrieren sich auf verschiedene Basiliken, die ausgeklügelte Wasserversorgung mit 40 noch begehbaren Regenwasserzisternen, die 57 m lang, 21,5 m breit und 13 m hoch waren. Berechnungen ergaben, dass die Zisternen Wasser für ca. 6000 Menschen sammeln konnten, so dass genügend Wasser von Regenperiode zu Regenperiode vorhanden war. Daneben werden große Mengen an Keramik aus den verschiedenen Epochen geborgen.
Die letzte Station ist Aleppo. Die dortigen Untersuchungen finden auf der Zitadelle statt und gelten dem Wettergott von Aleppo, der durch zahlreiche schriftliche Zeugnisse aus dem 3. Jahrtausend vor Chr. bekannt ist. Und seit 1996/97 ist auch klar, wo er zu lokalisieren ist. Da die Zitadelle ein sogenannter Tell, ein Ruinenhügel, ist, müssen erst überlagerte Kulturschichten durchdrungen werden. Die Tiefe bis zur eigentlichen Grabung beträgt etwa 8 m. Es müssen die französische Mandatszeit, die osmanische Zeit, die Mamelucken- und die islamische Epoche, die byzantinische, römische und die hellenistische Zeit überwunden werden, um schließlich im Tempel des Wettergottes mit seinen Reliefs anzukommen. Die Reliefs sind aufgereiht wie in einem Museum. Die Länge der Reliefreihe beträgt heute noch mehr als 10 Meter. Gut zu erkennen ist direkt in der Mitte der Kultnische der Wettergott, wie er auf den Wagen steigt, der von einem Stier gezogen wird. Zugrunde liegt die Überlieferung, dass die Statue beim hethitischen Frühlingsfest aus dem Tempel gebracht und in einen Wagen gestellt wurde, der dann von 2 Stieren gezogen wurde.
So endet ein hochinteressanter und kurzweiliger Vortrag, der durch eine angeregte Diskussion ergänzt wurde.