Der gestohlene Ruhm des Beginns - die Anfänge der antiken und modernen Olympischen Spiele
Vortrag am 27.10.2004:
Frau Dr. Rosemarie Günther von der Universität Mannheim ging der Frage nach, wann die ersten Olympischen Spiele sowohl in der Antike als auch in der Neuzeit veranstaltet wurden.
Es ist überliefert, dass in Olympia sportliche Wettkämpfe am ersten Vollmond nach der Sonnenwende stattfanden.
Etwa 1000 v. Chr. brachten Einwanderer den Kult der Verehrung der Muttergottheit Hera und des Gottvaters Zeus mit.
Aus der Verehrung der Göttin Hera entwickelten sich die Heraien, ein Wettlauf an dem nur Frauen teilnahmen. Der Historiker Pausanias berichtet, dass in jedem 5. Jahr sechzehn Jungfrauen ein Gewand webten und dann in Abstufung ihres Alters an einem Wettlauf im Stadion teilnahmen. Die Verwaltung der Spiele lag in den Händen des Nachbarortes Pisa - die heutige Namensgleichheit mit dem italienischen Pisa hat keinen historischen Hintergrund. Ein prachtvoller Tempel wurde zu Ehren der Hera gebaut und auch das Orakel von Olympia wurde gerne in Kriegsangelegenheiten befragt. Ein einträgliches Geschäft, denn im Erfolgsfall ging 1/10 der Kriegsbeute an das Orakel.
Seit etwa dem 8. Jahrhundert v. Chr. sind auch männliche Sportwettbewerbe zu Ehren des Zeus in Olympia bezeugt.
Wohlstand ruft immer Neid hervor und so übernahm etwa 580 v. Chr. der Nachbarort Elis gewaltsam das Management. Auch die Heraien wurden von Frauen aus Elis übernommen. Der Kult der Muttergottheiten und damit auch der Wettlauf der Frauen wurden allmählich verdrängt, nicht aber vertrieben.
Ein gewisser Hippias aus Elis führte Siegerlisten der männlichen Wettbewerbe, die heute nicht mehr erhalten sind. Zur Zeit der Spiele wurde Frieden bewahrt, um den Teilnehmern eine ungefährdete An- u. Abreise innerhalb der ständig verfeindeten griechischen Stadtstaaten zu garantieren.
Im Jahr 476 v. Chr. fanden die ersten Olympischen Spiele nach den Perserkriegen statt. Die Stadt Pisa erhob sich 472 v. Chr. gegen Elis und wurde besiegt. Die Eläer zerstörten den prachtvollen Tempel der Hera und errichteten einen nicht minder prächtigen Zeustempel. Ab da waren mit Ausnahme der Priesterin der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter keine Frauen mehr zugelassen. Die Spiele der Antike waren alles andere als angenehm. Sie fanden in der wärmsten Jahreszeit statt. Der Siegespreis, ein Kranz aus Ölzweigen, ließ Staub und Mangel an Trinkwasser vergessen.
Die Geschichte der Olympischen Spiele der Moderne liest sich ähnlich spannend. Die Idee eines Herrn Rangavis, 1838 am Befreiungstag Griechenlands Spiele abzuhalten, wurde als Anachronismus abgetan. Höchstens im Rahmen einer Industrie- und Landwirtschaftsausstellung konnte sich das griechische Königshaus solche Spiele vorstellen. Dieser Vorstellung folgend, gründete 1858 ein Herr Zappas eine Stiftung zur Durchführung Olympischer Spiele im Jahre 1859 in Athen und spendete auch gleich 200.000 Drachmen zum Bau des Olympiastadions. Das Geld versickerte in dunklen Kanälen und so wurden die Spiele auf dem Freiheitsplatz ausgetragen. Als Siegespreis gab es den antiken Kranz aus Ölzweigen und einen geringen Geldbetrag. Die Organisation der dreiwöchigen Spiele muss äußerst mangelhaft gewesen sein. Beim Wagenrennen z.B. kam von 41 Teilnehmern nur ein einziger ins Ziel.
Die für 1863 geplanten Spiele fielen aus, da Zappas verstarb, nicht ohne in seinem Testament weitere Mittel für die Renovierung des Stadions zu hinterlassen.
1870 fanden dann nochmals Spiele statt. Die Teilnahme war auf griechische Bürger gleich welchen Standes beschränkt. Die Anreise wurde bezahlt und es gab Geldpreise.
Ein neuer Name taucht in den Reihen der Befürworter von internationalen olympischen Spielen auf: Pierre de Coubertain. Die Idee wird von einem Herrn Brooks unterstützt, der in England schon 1890 "Olympics" veranstaltete. 1894 nehmen de Coubertain und ein Herr Vikelas an einem Kongress für Leibeserziehung in Paris teil. Dort reicht Vikelas einen Antrag auf Durchführung neuer Spiele ein. Als Austragungsort gewinnt Athen gegen London und Paris. Am 5.April 1896 beginnen die Spiele in Athen. Vikelas und der griechische Kronprinz stehen dem neuen olympischen Komitee vor.
1900 finden die nächsten Spiele in Paris in Verbindung mit der Weltausstellung statt.
Die ersten Spiele außerhalb Europas werden 1904 in St. Louis abgehalten.
Wieder sind die Spiele hauptsächlich den Männern vorbehalten. Erst 1928 werden auch Frauen offiziell zu allen Wettbewerben zugelassen.
Coubertain bezeichnete die Spiele von 1859 als eine verfrühte Erscheinung. Die zahlreichen Schriften, die er veröffentlichte, verfestigten die Meinung, er allein sei der Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit. Diese Meinung hält sich bis heute.
Tatsache ist aber, dass die Idee der Olympischen Spiele der Neuzeit nicht nur einen Vater hatte. Tatsache ist auch, dass die ersten antiken Olympischen Spiele - die Heraien - von Frauen bestritten wurden.